„Kafkaesk“ – Kafka-Biograph Reiner Stach zu Gast am KANT

Wer in letzter Zeit vor dem Fernseher eine Dokumentation über Franz Kafka sehen durfte, konnte sich wirklich glücklich schätzen. Der berühmte Schriftsteller ist noch zu selten im öffentlichen Fernsehen zu bestaunen, obwohl das Interesse an seinen Werken und seiner Biographie stetig wächst. „Kafka, was soll ich denn da zeigen?“ – Solche und ähnliche Antworten bekäme man -laut Reiner Stach- wohl zu hören, wenn man sich nach dem Ausstrahlen einer Dokumentation erkundigen wollte.

Reiner Stach, Literaturwissenschaftler, Publizist und bekannter Kafka-Biograph, half den Schülern der Jahrgangsstufe Q2 am Mittwoch, 02. März 2016, im Forum der Schule Licht ins Dunkel zu bringen und einen neuen Einblick in Kafkas Lebenswelt zu verschaffen. Ein großer Dank hierbei gilt der Berkenkamp-Stiftung, die durch ihre Förderung den Vortrag Dr. Stachs am KANT ermöglicht hat.

Berufen konnte er sich dabei auf sein erstaunliches Wissen, das er sich schon seit Mitte der 90er Jahre aneignete. Damals hätte ein interessierter Leser wohl Auswahl aus ca.10 000 Kafka-Büchern haben können, heutzutage wüchse die Zahl, auch dank der Hilfe von Stachs Kafka-Biografien, um das Doppelte. Mit dem Rätsel um die Identität Franz Kafkas, bliebe bis heute die wohl am häufigsten gestellte Frage: „Wer war eigentlich Kafka?“. Fakt sei allerdings, dass auch der Autor selbst seine Probleme mit der Beantwortung dieser Frage gehabt hätte.

Der Literaturwissenschaftler gab den Schülern einen Überblick über das Leben Kafkas in seiner Geburtsstadt Prag, in der der Jude die Spannungen seiner zwei Nationalitäten – deutsch und tschechisch – hautnah miterlebte. Hierbei verdeutlichte er besonders die religiöse Existenzfrage Kafkas, der mit seiner jüdischen Herkunft inmitten der antisemitistischen Bedrohungen seiner Zeit zu kämpfen hatte. Reiner Stach zeigte, dass, auch wenn häufig Verwunderung aufkäme, weil der Schriftsteller in seinen Werken nie explizit die Heimatsstadt oder den Krieg thematisierte, sich nichtsdestotrotz prägende Motive wiederfinden ließen. So führte er beispielsweise das Zusammenprallen alter und neuer Ideen auf, welches vor allen Dingen in seinen Erzählungen „In der Strafkolonie“ und „Der Prozess“ ein bedeutungsvoller Gedanke gewesen sei. Da zumindest „Der Prozess“ für viele Schüler abiturrelevant ist, zeigte Stach somit einen Weg zum Verständnis des verflochtenen Romans auf. In diesem Zug betonte er ebenfalls, dass Franz Kafka in seinen Romanen interessanterweise gewisse moderne Machtpraktiken voraussah und betitelte so zum Beispiel das Problem des Zerstörens der Privatsphäre in unserer Zeit.

Mit den Worten, dass Kafkas Schreiben „kein bloßes Wunder“ gewesen sei, da er alles vor Ort miterlebt hat, beendete der Kafka-Biograph seinen detailreichen Vortrag und wies für mehr Informationen auf seine Internetseite www.franzkafka.de hin.

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Für die Schüler der Q2 war dies wohl ein Einblick in das spannende Leben des geheimnisvollen Schriftstellers, mit dessen Hilfen nun auch Schullektüren ihren Reiz bekommen haben könnten. Vielleicht wird nun auch der ein oder andere sich in seiner Freizeit an sie komplexen, aber hintergrundreichen Werke des Franz Kafkas trauen.

(Text und Foto von Laura Lüke, Jahrgangsstufe Q2)


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