Geschichte

Ausgrabbung

Kleine Ausgrabung – Suche nach Zeugnissen aus der Vergangenheit am Tag der offenen Tür

Warum brauchen wir heute noch Geschichts-Unterricht?

Das schöne Wort, dass man seinen Kindern „Wurzeln und Flügel“ geben soll, kann man durchaus über die persönliche Erziehungsebene hinaus interpretieren: Damit ein Mensch Kraft und Visionen („Flügel“) für sein Leben entwickeln kann, muss er wissen, auf welchen Grundlagen („Wurzeln“) die gegenwärtigen Zustände des eigenen Landes, aber eben auch der Welt mit all ihren politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und nicht zuletzt politischen Ausrichtungen erwachsen ist.

Geschichte geschieht. Und zwar nicht nur gestern oder in grauer Vorzeit, sondern auch heute – und jeder Mensch kann irgendwo Zeuge solch geschichtlicher Veränderungen werden, man denke nur an den Fall der Mauer oder an Umwälzungen ganzer politischer Blöcke in der jüngeren Vergangenheit. Dabei wird deutlich, wie Menschen ihre Welt ständig verändern, aber eben immer unter den jeweiligen Bedingungen ihrer Zeit. Dafür sensibel zu werden, ist auch Aufgabe des Geschichts-Unterrichtes: Kein Ereignis der Vergangenheit ist ohne Auswirkungen auf unsere Gegenwart geblieben; und um das Gegenwärtige richtig einordnen zu können, muss man diese historische Zusammenhänge verstehen. Woher rührt der Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern und warum gibt es dort eben keine „einfache“ Lösung? Warum hat es Afrika so schwer, sich im Chor der modernen Staaten Gehör zu verschaffen? Und warum mahnt der Schwarze Kontinent die ehemaligen Kolonialmächte an ihre Verantwortung?

Aktuelle Wirtschaftsformen, Sozialsysteme und politische Ordnungen sind nicht aus dem Nichts gewachsen, sondern haben ihre Wurzeln in zum Teil weit zurückliegenden Entwicklungen. Die erste Demokratie, die „Herrschaft des Volkes“, schufen die Griechen. Aus der Idee in Athen, dass die Bürger ihre Dinge selbst in die Hand nehmen oder sie eben Volksvertretern stellvertretend übertragen konnten, hat sich unsere politische Verfassung über viele Zwischenstationen entwickelt. Wie sensibel aber die demokratischen Rechte sind, auch dies versteht man aus der Kenntnis der Konstellationen, unter denen sie gefährdet oder missachtet wurden.

Grundlagen zu einem historischen Denken soll der Geschichtsunterricht liefern. Dass genau aus diesem Dialog mit der Vergangenheit, auch mit den Menschen dieser Vergangenheit, ein Verständnis für die je eigene Lage und Kultur erwächst, erst dies ermöglicht eine ausgewogenere Betrachtung unserer Gegenwart. Andere Kulturen, andere Wertvorstellungen wird man besser analysieren und mit weniger Vorurteilen oder gar Überheblichkeit betrachten, wenn man deren Grundlagen kennt. Historische Zusammenhänge – etwa von verbesserter Hygiene in der Neuzeit als Voraussetzung für die Zunahme der Bevölkerung – machen die Zeitgebundenheit von Ereignissen deutlich. Sich dieses auch heute immer wieder zu vergegenwärtigen (wie das kleine „Zeitfenster“, das sich kurz auftat zur deutschen Wiedervereinigung), auch dies ist Aufgabe des Geschichts-Unterrichts. Und schließlich macht ja auch Spaß, in die Vergangenheit einzutauchen: Dort kann man wie ein Detektiv „Schlüssel“ für das Verständnis von Mathematik und Kunst, von Literatur oder Baukunst aufspüren und den Ursprüngen so selbstverständlichen Dingen wie Papiergeld, Spaghetti oder der Bedeutung von eisernen Steigbügeln staunend begegnen.

Der Weg in eine möglichst bessere Zukunft hat ohne Wurzeln keine Chancen.

 

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